Unterwegs mit meiner Ma. Unsere Reise führt uns in die Zwillingsstadt Wiens: nach Bratislava, dem alten Pressburg. Für meine Mutter ist es eine Rückkehr; sie war jahrelang für Opernbesuche immer wieder hier. Dazwischen lagen der Jakobsweg, Radtouren durch Deutschland und viele andere Wege, die sie woanders hinführten. Jetzt erkunden wir die Stadt gemeinsam neu.

Über unseren Köpfen hängt am Hauptbahnhof ein großes Wandmosaik aus den 1950er- oder 60er-Jahren. Es zeigt Arbeiter, Wissenschaft und Gemeinschaft – Motive des sozialistischen Realismus. In unserer heutigen Zeit wirkt dieser Fokus auf die arbeitende Bevölkerung fast ungewohnt; als Ausgleich zu unserem kapitalistischen Alltag bin ich fast versucht, mich endlich mit den Thesen des großen kommunistischen Denkers auseinanderzusetzen. Marx war sicher vieles nicht, aber ein großer Denker war er – und auch wenn ich die historische Umsetzung des Kommunismus ablehne, so bleibt seine grundlegende Kapitalismuskritik doch ein Punkt, den man heute selten völlig von der Hand weisen kann
Doch hier, im Moment zwischen dem „Davor“ und dem „Mittendrin“, schweifen meine Gedanken in eine andere Richtung: Was kann ich von einer Stadt wirklich erfahren?
Von meinem eigenen Wohnort kenne ich die Schichten aus dem Geschichtsunterricht, vom Studium oder vom Nachlesen für Gäste. Oft sind diese getrübt von einem Nationalstolz, von dem man zwar weiß, dass er da ist, den man aber selten genau benennen kann. Der gelebte Alltag ist dann meist weniger „verliebt“ als der erste, bewusste Blick eines Fremden. Im Alltag rutscht das Auge eher auf die ungelösten Probleme, auf die Unannehmlichkeiten der Masse auf engem Raum. Man sieht, wie viel die Organisation kostet und wie wenig sie manchen wert zu sein scheint.
Als Tourist hingegen sieht man meist nur die Hochglanzbroschüre: die Stadt so, „wie wir gesehen werden wollen“. Aber wie oft muss man einen Ort besuchen, um wirklich zwischen die Lagen der Glorifizierung und die Schichten des Alltagsfrusts zu gelangen? In Bratislava, wo barocke Statuen direkt neben verwitterten Hinterhöfen stehen, scheint diese Frage besonders präsent.
Und auch hier und jetzt, beim ersten Schritt in den Raum dieser fremden Stadt, die ich kennenlernen will, frage ich mich: Wo genau fange ich an, wenn ich im „Dazwischen“ reisen möchte? Nicht beim Hochglanz, nicht beim reinen Frust, sondern irgendwo in der Mitte, wo die Stadt wirklich atmet. Vielleicht ist der Anfang dieser Reise gar kein fester Ort, sondern genau dieser Moment des Suchens – zwischen der Geschichte meiner Ma und meinem eigenen, ersten Blick.



