Die vorgelebte Antwort

Die Seele als sichernder Kern, als Illusion oder als Gefängnis (?) Was ist es für d/mich?“

Mit dem Neuropsychologiebuch meiner Studienzeit in der Hand, halte ich inne. Denn zuerst ist sie aufgetaucht: Die Kirche. Die katholische.

Sie gehört zu dem Land, zu den Dörfern, zu den Menschen, unter denen ich aufgewachsen bin.

Die Antwort vor der Frage

Und sie gibt Antworten. Von der Geburt an antwortet sie, lange bevor wir Fragen stellen können, und noch länger bevor wir lernen, Antworten abzuwägen.

Wenn ich heute frage „Was bin ich?“, findet mein Denken zuerst diese alte Antwort – eine Antwort, die sich nicht belegen muss, weil sie sich auf die unbegreifliche Existenz eines Gottes stützt:

Eine ewige Seele. Unverlierbar. Stabil. Vorbestimmt. Nur in kleinen Variationen offen, wie ein Weg mit vorgegebenen Kurven.

Die Präsenz des Modells

Diese Stimme war und ist

  • in Liedern,
  • in Trostwörtern,
  • in Ritualen,
  • im Jahreskreis,
  • in den Bildern an den Wänden,
  • in der Art, wie man mir sagte, dass ich gemeint sei und gewollt und beobachtet und geführt.

Wenn es nach dieser alten Antwort geht, dann hat also eine vorbestimmte Seele entschieden, für meine Katzen aufzustehen. Viel Freiraum lässt das Modell nicht, aber meine Katzen sind zumindest dankbar und – für die nächsten fünf Minuten – nicht mehr hungrig.

Das Paket

Ich habe diese Antwort nicht bewusst gewählt. Sie wurde einfach mitgeliefert, wie die Strumpfhosen, die geflochtenen Zöpfe und die sonntäglichen Wege den Hügel hinauf.


Der Abschluss: Vom Ziel zum Weg

Heute halte ich das Neuropsychologiebuch nicht mehr als Widerspruch, sondern als Werkzeug. Die „alte Antwort“ der Seele bleibt im Gepäck, wie die Erinnerung an die zu engen Strumpfhosen der Kindheit – ein Teil der Geschichte, aber nicht mehr das Maß der Freiheit.

Beantwortet ist die Frage damit nicht. Wissenschaft ist nicht das Ziel, sie ist der Weg, der sich von Frage zu Frage, von Erkenntnis zu Irrtum und wieder zurück „hangelt“.

Der Unterschied zwischen meinen Erinnerungen und jetzt: ob ich hoffnungsvoller und vertrauensseliger, mit Zöpfen und zu engen Strumpfhosen von der Kirche als Antwortgeber ausgehe, oder in meinem Jetzt – ernüchterter, vorsichtiger und bequemer gekleidet – von der Wissenschaft als Fragestellerin.

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