Glücklich ist, wer Freunde hat, aber überglücklich, wenn sie einen schon ein halbes Leben lang begleiten. Nicht weil man die ganze Zeit miteinander verbracht hätte, sondern weil man sich immer wieder aufs Neue kennenlernen durfte, man hat Kinder kommen und als Erwachsene gehen gesehen. Die ersten Falten und anderen Zeichen des Alters, der Erfahrung sind aufgetaucht und geblieben, und trotz allem und genau deshalb, sieht man einander, und erkennt sich selbst auch wieder.



Vor ewig und zwei Tagen bin ich mit einer Freundin und Wegbegleiterin samt ihrer Familie nach Krk gefahren – zweimal hintereinander auf denselben Campingplatz. Jetzt haben wir ihn wieder besucht. Zuerst war gar nicht klar, welcher es genau war, denn Erinnerungen sind flüchtig und Krk ist ein Inselparadies, das sich auf Camping spezialisiert hat. Doch wir wurden fündig; er lag noch genau dort, wo wir ihn im Gedächtnis bewahrt hatten.
Nicht direkt in der Stadt, sondern versteckt in einem Tal, das sich zum Meer hin öffnet. Ich hatte so vieles vergessen, doch die Bruchstücke fügten sich vor Ort wieder zu einem ganzen Bild zusammen. Das Beeindruckende an diesem Ort – das eine Detail, das sich in mein Gedächtnis gebrannt hat – ist seine Lage unter den Bäumen. Es ist wie ein Wald, der sanft zur Steinküste abfällt, die wiederum in kleine, intime Buchten unterteilt ist.
Hier findet man keine Luxusversion des Campings mit Swimmingpool, Bar und Kinderbetreuung, sondern eine Bucht wie auf einer Schatzinsel. Unsere Beute? Ein Urlaub mit Seeblick, weit weg vom Trubel des Stadtlebens.
Was macht man auf einer Insel, die aus Steinhügeln und schmaler Küste besteht? Wandern! Es gibt sehr schöne Wanderwege, die wir zwar nicht genutzt, aber immerhin erkundet haben. Und es gibt die Küstendörfer mit ihren steilen Gassen, engen Nischen und interessanten Perspektiven. Wirtschaftlich scheint der Tourismus eher schonend und klein dimensioniert ausgelegt zu sein – ein großer Teil des Charmes.
Meine Unsicherheit beruht auf der Tatsache, dass ich eben nicht weiß, wie es zur Hauptsaison ist; davor ist es aber recht chillig. Diese Umstellung zwischen Vorsaison und Saison meinte ich auch zu beobachten: Nicht nur waren wenige Gäste da, die Bewohner selbst waren in vielen Läden am Strand mit den letzten Handgriffen beschäftigt – mit Putzen, Aufstellen, Licht und Luft reinlassen…
Dankenswerterweise essen auch Insulaner auswärts. Die Restaurants waren offen, und es hat geschmeckt. Unsere Inselrundfahrt hat uns so durch diverse Lokale geführt.
Wir waren in Baška in einem Strandlokal, das uns Essen in kleinen, als riesige Teller getarnten Schüsseln servierte. In der Küstenstadt Vrbnik saßen wir in einem Lokal mit Weitblick auf das blaublaue Meer. Und in Krk, der Stadt selbst, beobachteten wir an der Touristenpromenade die einlaufenden Schiffe.
Was das Strandfeeling betrifft, hat Krk unseren Erwartungen am ehesten entsprochen – schlichtweg, weil die Stadt nicht in die Felsen gebaut ist, sondern auf einer Ebene liegt. Dadurch hat alles mehr Raum. Der Strand bietet Platz zum Verweilen, an der Promenade finden auch Rollstuhlfahrer:innen problemlos ihren Weg, und die Restaurants und Läden bilden den perfekten Rahmen für das bunte Treiben und den gemeinsamen Spaß.
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Das genaue Gegenteil davon ist Vrbnik. Es ist in den Felsen gehauen, auf Vorsprüngen gebaut, an den Stein der Insel gelehnt, übereinander gestapelt und ineinander geschlichtet. Und dazwischen, in und aus den Steinen heraus, wachsen einzelne Pflanzen. Hier finden keine noblen Parks Platz; kleine Gstettn hingegen finden stetig einen Lebensraum – was für mich einen faszinierenden Widerspruch darstellt. Wie können Pflanzen, die selbst so zart und vulnerabel wirken, eine alles sprengende Wurzelkraft entwickeln? Aber sie haben sie – sonst wären sie nicht dort.



Zwischen unserer wandernden Gegenwart, den Essensfreuden und der genussvollen Stille wurden wir auch zu Zeitdetektiven. Schließlich waren wir an einen Ort zurückgekehrt, ohne unsere Erinnerung zuvor mit einem Tagebuch abgesichert zu haben. Im Gespräch über das ‚Wann‘ entwickelte sich ein ganzer Erinnerungssturm aus Splittern, Momenten, Fragmenten und Zeitabschnitten.
Wir tasteten uns anhand fixer Ereignisse an diesen einen Sommer heran: ‚Wann waren die Kinder in welchem Alter dabei? Wann war der Urlaub in Griechenland, wann die eigene Schwangerschaft, wann bin ich gesiedelt?‘ Auch wenn das Muster nicht immer sofort zusammenpassen wollte – ‚Wann fing der Turnus an? Wann gab es das erste Urlaubsgeld?‘ – einigten wir uns schließlich auf das wahrscheinlichste Jahr.
Im Rückblick war dieser Lebensabschnitt ein turbulenter: der graduelle Wechsel vom ‚Erwachsenwerden‘ zum ‚Erwachsensein‘ bis hin zu dem Punkt, als wir als Erwachsene die Verantwortung für ein neues Leben trugen. Das hat zumindest mein Leben auf den Kopf gestellt. Es war Aufbruchsstimmung pur – Hoffnung, Lebenswut, der Anspruch und die Überheblichkeit, es besser machen zu wollen.
Das Problem mit Lebensentscheidungen ist: Sie werden im besten Gewissen und oft mit übergroßem Selbstvertrauen getroffen, können sich aber erst nach Jahrzehnten als falsch erweisen. Genau dann, wenn man sie nicht mehr revidieren kann, weil die Pfade bereits ausgetreten sind. Mein Trost liegt in der Erkenntnis, dass man nur falsch entscheiden kann, weil alles irgendwann einmal falsch ist – und gleichzeitig nur richtig, weil auch das zutrifft. Am schlimmsten sind ohnehin jene Entscheidungen, die man gar nicht getroffen hat; denn diese treffen sich von selbst.
Der Sturm aus Erinnerungsfragmenten ist schließlich in eine beruhigende Zuordnung übergegangen. Wir waren dort, und es war schön. Und ich weiß wieder, warum ich damals da war und heute hier bin: weil ich Freunde habe.



Auf dem Heimweg konnten wir noch Zagreb besuchen – nur ganz kurz, aber es war fein, dort spazieren zu gehen und gemeinsam zu essen.
Abschied. Das Leben ist ein permanenter Abschied von dem zurückgelassenen Ich. Ständig. Wenn die Einheit der Gegenwart, die wir als solche erkennen, nur drei Sekunden währt, dann verabschieden wir uns alle drei Sekunden von uns selbst.

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Sicher sind wir schließlich wieder daheim angekommen. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – vielleicht ergibt sich daraus ein ‚Noch mehr Wandern‘ auf Krk. Wege und Plätze gäbe es jedenfalls genug.




