Am Anfang war Ordnung.

Am Anfang war Ordnung.Aber das war auf Dauer zu fad. Darum hat die Natur das Leben erfunden

Reihen aus kleinen Pflänzchen, sauber, niedlich, überschaubar.
Der Acker, den wir übernommen haben, wirkte fast wie ein Versprechen:
Wenn ihr euch kümmert, wird hier etwas wachsen.

Jetzt, am Ende des Sommers, sitzt die Wildnis wieder am Thron.
Das, was wir „Unkraut“ nennen, hat das Regiment übernommen –
und es regiert nach ganz anderen Vorstellungen als wir.
Klein, niedlich und in Reih und Glied gehört nicht zu seinem Programm.

Der Satz „Was denken sich die anderen?“ verliert hier jede Bedeutung.
Denn jede Distel, jeder Stängel, jede verblühte Krone hat eine Aufgabe:
Samen tragen. Schutz bieten. Boden nähren.

Wenn wir im Spätherbst räumen, rückt eine andere Bevölkerung nach.
Ameisen, Spinnen, Schnecken. Wildbienen, Wespen, Falter.
Sogar die Reiswanze – für die ich wenig Wärme übrig habe –
gehört irgendwo hinein.
Zumindest ihre Eier werden wohl am Tisch irgendeiner anderen Spezies landen.

Zwischen dem geordneten Anfang und dem wilden Ende liegt unser Anteil:
unsere Arbeit, unser Blick, unsere Zusammenarbeit.
Die Zeit mit meiner Mutter.

Planen.
Säen.
Beobachten.
Ernten.

Und dann:
Essen.
Lachen.
Haltbar machen.

18 Kürbisse.
Kilos von Tomaten, Gurken, Melanzani, Paprika, Physalis.
Ein Sommer, in dem wir kaum Obst aus dem Supermarkt brauchten,
weil wir es direkt vom Acker mitnahmen – frischer als alles, was man kaufen kann.

Zwei Generationen, die gemeinsam gelernt haben.
Erfahrungen, die still weitergegeben werden,
während die Sonne über den Beeten steht.

Wir packen das Werkzeug ein,
die Stangen, die Gitter, all die kleinen Helfer des Sommers.
Und im Kopf beginnt der Vergleich:
Was hat gut funktioniert?
Was wollen wir ändern?
Was hat uns überrascht?
Was möchten wir versuchen?

Nächstes Jahr werden es vierzig Quadratmeter sein.
Ein Weg in der Mitte.
Und dahinter die „Drei Schwestern“:
Mais als Zaun und Schutz,
Bohnen, die sich daran hinaufwinden,
Kürbis, der als Bodenwächter den Raum füllt.

Am Rand wieder ein Streifen Ackerblumen –
für die Insekten, ohne die kein Acker lebt.

Und diesmal wollen wir kleine Häuser für Mitbewohner errichten:
für Tausendfüßer, Ohrschlüpfer, Wildbienen.
Auch sie sollen ihren eigenen Platz bekommen.

Das Jahr am Acker war erfolgreich.
Wir haben gelacht, gegessen, geplant.
Und während die Natur nun zur Ruhe kommt,
beginnt in uns schon die Freude auf den Frühling.

Was will man mehr?
Und warum eigentlich mehr wollen,
wenn das Wesentliche schon da ist?

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