Dafür, dass sich die Urania seit meiner Kindheit nicht bewegt hat und noch immer stoisch an der Mündung des Wienflusses in den Donaukanal steht, hat sie in Sachen Nutzung ganze Welten durchquert.
Eigentlich ist die Urania eine von drei Sternwarten in Wien und wird auch noch als solche genutzt. Ich war zwar niemals selbst dort, die nächstgelegene Sternwarte ist schon in aller Nähe im Prater gelegen und hat für meine Familie die Kombination aus Vergnügen und Staunen besser abgedeckt. Ebendort, im Spannungsfeld kindlicher Freude und erwachsener Verruchtheit, gab es zu allen Kirtags- und Achterbahnerlebnissen auch noch die Möglichkeit des Vorbeischlenderns an der Republik Kugelmugel als Attraktion an sich. Mittlerweile ist es still geworden um das Haus ohne Ecken, und ich meine auch hier die wienerische Art, Rebellion zu zähmen, zu erkennen. Diese feingemeine Art, der Störung dort einen Raum zu geben, wo sie zur „Unstörung“ wird – aber immerhin allen das Leben zu gönnen: den schmerzhaft Angepassten und den lustvoll Rebellischen.
Magie zwischen Puppenbühne und Gstättn
Aber zurück zur Urania: Damals wie heute war sie ein Ort der besonderen Magie des Puppentheaters. Jeden Mittwoch um 17 Uhr wurde eine Folge der Abenteuer von Kasperl und Pezi vor einem begeisterten Kinderpublikum ausgestrahlt. Am Ende kam die Publikumsfrage und die Auflösung mit dem Gewinn der letzten Woche. Das Puppentheater war das Medium, das diese Magie ermöglichte. Heute wird mit Papier, Bleistift und digitalen Medien gearbeitet, was zwar mehr Tempo und Flexibilität, aber auch ein „Mehr an Mehr“ an Konsum gebracht hat. Was wurde aus all den Kindern, die damals nicht nur vor dem Fernseher saßen, sondern live dabei sein konnten? Haben sie sich den Ausschnitt geholt? Hat es sie mehr begleitet als mich?
Eine Person, die tatsächlich vom Puppentheater geprägt wurde, ist Thomas Brezina. Er hat dort die „Schule des Geschichtenerzählens“ gelernt und später den leseunwilligen Buben mit Tom Turbo und unzähligen Rätseln das Lesen schmackhaft gemacht.
Die Wiener Tardis
Nach der Renovierung wurde das Gebäude zudem um ein Restaurant bereichert. Ich muss wirklich einmal hingehen. Am Abend am Fluss zu sitzen, wenn sich die Sonne langsam senkt, stelle ich mir wunderschön vor. Die Urania beherbergt aber auch die VHS als Ort des Lernens und Lehrens. Nicht die große Ausbildung der Universitäten, sondern kleine mentale Fitnesscenter für all die Dinge, die wir einfach lernen wollen. Die VHS ist der Ort des Wissenserwerbs als Liebhaberei – ist das nicht schön? Und wer aktiv veranstalten möchte, findet hier selbst Raum: So hat zum Beispiel die erste My Little Pony Con, Hops Featherfest,ier stattgefunden. Die Urania ist quasi die Wiener Version der Tardis, inklusive Sternenkunde und Zeitreise.
Architektur und das „Gemeinsame Wir“
Zuletzt fällt mir noch etwas ein: Als meine Tochter schon auf der Welt war, habe ich mich das erste Mal mit Feminismus auseinandergesetzt – eher unbewusst, weil Feminismus ein Randprogramm darstellte, die Themen aber in die Präsenz gesichert sind. Zum Beispiel die Frage, wie sich das Weltbild durch die architektonische Formgebung ins Denken zementiert. Auch anhand des Urania-Turms wurde diskutiert, wie viele Bauten phallisch gestaltet seien, und damit Macht zeigten (und ob Frauen im öffentlichen Raum nicht ebenso repräsentiert sein sollten).
Das ist lange her. Entscheidungen, die damals erkämpft wurden, gelten heute als selbstverständlich – und stehen doch wieder unter Beschuss. Das Zurücknehmen von Privilegien wird oft schnell als Diskriminierung erlebt, weil wir dazu neigen, das Erreichte als „natürlich“ oder individuell verdient zu verstehen – die Attributionstheorie lässt grüßen. Wenn also eine Frau als Ausgleich vorgezogen wird, ist man deshalb automatisch diskriminiert oder im Gegenteil selbstverständlich endlich gerecht behandelt?
Meine Frage zieht weiter: Ist das Schreckgespenst immer da oder erst, wenn man hinschaut? Ist es Ausgleich, wenn man Übersehenes „pusht“, oder liegt die Lösung in der Synthese – in einem „gemeinsamen WIR“, das etwas Neues erarbeitet? Und wieso sollte einem das gleichgültig sein?












