🌱Schichten von Geschichte und Genuss

Was die Fremdenführer:innen erzählen, sind bolognesische Geschichten – nicht die Geschichte selbst. Und Geschichte ist ohnehin nie absolut; sie kann es nicht sein. Was bleibt, ist meine Erinnerung an das, was erzählt wurde – in Englisch, nicht in der Sprache, in der ich eigentlich denke und Informationen verarbeite.

So legt sich das Geschehen in Schichten ab: im Untergrund der Stadt, in den Erzählungen, in den Spuren der Sieger. Sie prägen das Bild – und sie schreiben Geschichte. Und doch erzählen jene, die sich als Verlierer fühlen, ihre eigenen Geschichten weiter: Versuche, den Verlust von Stärke, Macht oder Reichtum auszugleichen. Die Gegenwart ordnet diese Splitter mehr oder weniger erfolgreich ein – Symptome, Fragmente, Bruchstücke.

Heute standen zwei Führungen auf unserem Plan. Beide führten fast dieselben Wege durch die Stadt – vorbei an bekannten Plätzen, Gebäuden und Kirchen. Doch die Details waren anders erzählt, und so ergab sich ein Mosaik: dieselbe Stadt, von verschiedenen Stimmen gefärbt.

🦋 Stadtnotizen: Piazza, Neptun, Türme, Santo Stefano

Die Basilika San Petronio sollte größer werden als der Petersdom – ein Zeichen von Macht. Doch die Fassade blieb unvollendet. Eine Legende erzählt, Papst Pius IV. habe den Bau des Archiginnasio gefördert, um die Erweiterung zu verhindern. (Faktisch wurde das Archiginnasio im 16. Jahrhundert errichtet, um die Universität zu zentralisieren; ob es „gegen“ San Petronio gedacht war, ist unsicher.)

Eine einzelne Säule, wie eine Innensäule gebaut, steht außen – ein steingewordener Hinweis auf das, was hätte sein können.

Piazza del Nettuno – Macht über das Wasser

Neptun erhebt die Hand; die Putti um ihn stehen für große Flüsse. Ein Symbol: Bologna beherrscht das Wasser – und mit ihm Ordnung, Reichtum, Macht.

Die TĂĽrme

Asinelli und Garisenda: steinerne Wahrzeichen. Der Boden aus Lehm, durchzogen von Wasseradern, ließ den Garisenda seit Jahrhunderten kippen. Nach starken Regenfällen 2023 wurde der Bereich vorsorglich abgesperrt; Ingenieur:innen arbeiten an der Sicherung.

Santo Stefano – das neue Jerusalem

Der Komplex der „sieben Kirchen“ erzählt eine andere Geschichte. San Petronio ließ hier ein „neues Jerusalem“ entstehen – eine Nachbildung der Grabeskirche, mit Kreuzwegstationen und Olivenhain.

In einer Außenwand ist ein römischer Stein eingelassen, dessen Inschrift „Dominae Isidi Victrici“ – „der siegreichen Herrin Isis“ – gewidmet ist: ein Fragment eines früheren Heiligtums, eingefügt in einen christlichen Bau. Die Mauer zeigt die Schichten – vom Isis-Kult zum Christentum, von heidnisch zu heilig, von alt zu neu.

🍝 Ein Tag des Genusses

Zwischen den Schichten blieb auch Raum für Geschmack. Tagliatelle al Ragù unter den Arkaden – rot-weiß kariertes Tischtuch, wie im Bilderbuch. Später, beim alten Café an der Statue von Galvani, Tee und Kuchen in der Sonne. Und am Abend ein Rindsfilet mit Rosmarinkartoffeln und Rotwein.

Die Portionen kleiner, die Qualität feiner als zu Hause in Wien. Ich gestehe: Ich liebe Essen. Und so gesehen ist es vielleicht gar nicht schlecht, dass ich nicht in Bologna lebe.

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