Einen eigenen Acker zu haben, eigene Gemüsesorten zu ernten und zu verarbeiten – das beginnt nicht selten (bei mir auf jeden Fall) im Unwissen darüber, wie viel Arbeit eigentlich dahintersteckt. Aber auch im Unwissen, wie viel Gestaltungsmöglichkeit man dort finden kann. Ich hatte schon einmal einen Acker gepachtet, als meine Tochter noch klein war. Wenn ich heute zurückdenke, wundere ich mich, wie viel Aktivität damals aus dem Bedürfnis entstand, irgendwelchen Ansprüchen zu folgen, aus der Illusion heraus, es besser zu machen, verbrämt mit der Idee, „aus den Fehlern der eigenen Geschichte zu lernen“. Aber jetzt spüre ich meine Grenzen besser. Weil ich alleine lebe und weil ich niemandem mehr etwas beweisen muss. Stattdessen finde ich heute eine Gesellschaft um mich vor, in der ich mich einfach als ich selbst bewegen kann.
Am Beginn dieser neuen Lebensphase habe ich erneut einen Acker gepachtet, dieses Mal gemeinsam mit meiner Mutter. Und das ist ein echtes Geschenk.
Das erste Jahr haben wir einfach mal darauf losgetan. Am Anfang ist schließlich alles neu, alles ungelernt und unbekannt. Und während die theoretische Abfolge völlig klar erscheint – anbauen, Unkraut jäten, ernten –, ist jeder einzelne Schritt in Wahrheit ein ganzes Kapitel voller Dinge, die man erst erkennen und richtig einschätzen lernen muss. Wie hält man zum Beispiel die Zucchini von der Bohne – also noch nicht einmal Gemüse von Unkraut – auseinander? Die Antwort ist ganz einfach: Die Zucchinipflanze wird vorgezogen eingesetzt – und die Bohne wächst erst gar nicht an. Oder nehmen wir den Unterschied zwischen Zwiebel und Gras: Beides sind feine Halme, letzteres wird man kaum los, ersteres wird beim Jäten versehentlich „vorgeerntet“.
Alleine unsere Sichtweise auf das, was wir dort eigentlich nicht wachsen lassen wollen – weil es dem, was wir dort wachsen lassen wollen, Luft, Licht und Liebe wegnimmt –, als „Unkraut“ zu bezeichnen, ändert schon den gesamten Rahmen unserer Handlungen. Unkraut ist wichtig. Manches Unkraut ist in Wahrheit Beikraut, Insektenschutz, Bodenverbesserer oder eine Opferpflanze. Dieses Wissen zu erwerben, fühlt sich an wie das Betreten einer unbekannten Bibliothek. Jeder Schritt ist ein neues Regal voller unbekannter Gedanken unbekannter Menschen. Hinter jedem Regal kann sich ein neuer Raum öffnen mit neuen Schritten und neuen Ansichten, die einander widersprechen, ergänzen oder erneuern.
Aber durch die Brille des Anfängers betrachtet, schaut am Anfang nun mal alles gleich aus. Immerhin: Es ist grün und potenziell essbar.
…und Praxis
Selbst wenn wir theoretisch mehr gewusst hätten: Praktisch hätten wir exakt dieselben Fehler gemacht. Wir hätten die Tomaten einfach in alle Richtungen wachsen lassen, das Saatgut viel zu dicht ausgestreut und die Jungpflanzen nicht gegen Schnecken geschützt. Und so haben meine Ma und ich eben „vorgeerntet“. Wir haben einiges nachgesetzt, das dann doch nicht angewachsen ist, und wir haben einiges mühsam vorgezogen, das draußen entweder verkümmert oder sofort gefressen wurde. Aber man gewinnt immer. Immer, in jedem Fall. Im schlimmsten Fall ist es eben Erfahrung.
Das zweite Jahr verlief dann schon wesentlich bewusster. Was im Vorjahr nicht funktioniert hatte, wurde konsequent ausgelassen. Die Rate der verfrühten, irrtümlichen Ernte ging spürbar nach unten und selbst die Reiswanzen wurden erfolgreich bezwungen. Und wir hatten viele Karotten…
…ist in der Praxis
Nun steht wieder ein neues Jahr Praxis auf unserer Seite. Wir starten dieses Mal langsamer und lassen die Dinge erst einmal wachsen, denn je größer die Pflanze wird, desto besser sieht man schließlich, was aus ihr werden will. Dieses Mal schaut tatsächlich schon eine ganze Reihe von Erbsen heraus, und auch der Zwiebel zeigt sich bereits.
Und wir planen gezielt: Gemüse mit Zusatzfunktion. Am Weg entlang entsteht ein Zaun mit und aus Bohnen, darunter werden Tagetes als Beutepflanzen gesetzt. Co-Planting ist jetzt angesagt. Die Phacelia verbessert den Boden und erfreut alle möglichen Generalisten unter den Bestäubern. Es wird auch wieder Kamille geben, wobei sich die Insekten diese wohl oder übel mit uns teilen müssen – ich will Tee. Unter den großen Pflanzen sollen schützende Kräuter wachsen, Basilikum, Lauch… Die Gurken kommen zum Dill.
Den Gurkenturm stellen wir diesmal allerdings nicht der vertikalen Planung entsprechend in die Höhe, sondern wir legen das Ganze horizontal hin. Warum denn das? Nun, Gurke und Dill passen pflanzentechnisch perfekt zusammen, da der Dill es ohnehin nicht ganz so sonnig bevorzugt. Und mich nervt es einfach, dass diese Türme bei rankenden Pflanzen die Stängel so oft abknicken und abdrücken. Das kann natürlich mein eigener Fehler sein, aber wir probieren es jetzt mal so aus.
Zu guter Letzt und am äußersten Ende des Feldes kommt etwas, das mir ganz besonders am Herzen liegt: die Drei Schwestern. Drei Pflanzen, die mit einem tiefen Wissen zusammen angebaut werden, das wir heute fast vollständig an die Effizienz der industriellen Landwirtschaft abgegeben haben: Mais, anbei Bohnen und darunter Kürbis. Der Mais dient als stabile Struktur für die Bohnen, die dadurch kein extra Stangenwerk benötigen. Darunter breitet sich der Kürbis aus, um den Boden perfekt zu beschaffen und vor dem Austrocknen zu beschatten. Ich weiß noch nicht, ob die Umsetzung im Alltag halten wird. Theoretisch hat sich diese Anbaumethode schon über hunderte von Jahren hinweg bewährt, aber ob es auf Anhieb klappt oder ob mir noch entscheidendes Wissen fehlt, wird sich zeigen. Das Experiment hat gestartet. Der Mais ist daheim auf dem Balkon wunderbar aufgegangen und wir haben ihn inzwischen gesetzt. Jetzt entscheidet es sich, ob dieser erste Schritt gelingt.
…größer als in der Theorie
Ich denke, man kommt aus der Praxis auch immer wieder zur Theorie zurück, denn diese schafft die Prognose fürs nächste Jahr, für den nächsten Versuch. Was hilft schließlich die schönste Theorie, wenn das Ergebnis nicht der Vorhersage folgt? Meine ehemalige Physiklehrerin hat uns das folgendermaßen nahegebracht: „Eine Theorie ist der Versuch, die Zukunft vorherzusagen. Wenn sie scheitert, taugt sie nichts.“ Insofern prüft die Praxis die Theorie, während die Theorie überhaupt erst die Basis für das liefert, was danach geprüft werden soll. Es ist also ein ständiger Dialog zwischen der Gegenwart und der Zukunft, die am Ende doch wieder zur Gegenwart wird.








