Graffiti und Wien: Die gezähmte Rebellion

Ich weiß gar nicht, wie es woanders ist – ob besser, schlechter oder überhaupt vergleichbar. Graffiti war die Rebellion meiner jungen Erwachsenenjahre, so in den 80ern und 90ern, als das alles aufkam. Plötzlich wurde alles besprüht. Die Gesellschaft spaltete sich damals in zwei Lager: Die einen sagten: „Geh, was sollen’s denn sonst machen, die Jungen, wenn’s net jetzt rebellisch sind? Wann denn sonst… mit dem Rollator?“ Die anderen schimpften: „Das ist eine Verschandelung öffentlichen oder gar privaten Eigentums! Wo kommen wir denn da hin?“

Mittlerweile gibt es Studien, die behaupten, dass optisch „verschandelte“ oder getaggte Viertel das allgemeine Ehrlichkeitsempfinden sinken lassen. Aber es muss ja nicht zwangsweise Graffiti sein; ein Banksy ist schließlich auch kein Verlustgeschäft.

Damals haben die Rebellen so ziemlich alles zugesprüht – sehr zum Leidwesen der Wiener Linien. Dieses „Alles“ gibt es heute so nicht mehr. Dafür gibt es jetzt Werbung. Wer will denn auch nicht in aller Frühe zur Prostata-Vorsorge eingeladen werden? Wobei das natürlich wichtig ist; mehr Männer in der Vorsorge zeigen ja, dass diese Umsicht nicht mehr nur bei den Frauen angekommen ist.

Aber zurück zum Graffiti: Einer der besten Plätze ist noch immer der Donaukanal. Und da schließt sich der Kreis. Wien hat die Rebellion gezähmt. Was eigentlich eine besondere Gemeinheit ist, aus Sicht eines Rebellen, oder?

Am gesamten Handelskai und Donaukanal gibt es nun extra freigegebene Flächen und sogar Kurse. Ich finde das genial: Da gibt es richtige Unterweisende und Schüler, die brav in weißes Schutzmaterial gehüllt sind. Das ist so weit weg von Rebellion wie der Dadaismus vom Naturalismus.

Aber es ist auch schön. Wien ist eben, wenn Rebellen nicht nur Platz bekommen, sondern ihr Wissen sogar offiziell weitergeben dürfen.

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