In der Früh nach dem letzten Tag

Der ersten Morgen des neuen Jahres beginnt ohne Besonderheit.
Es ist still in der Wohnung, die Heizung rauscht leise,
und der Kaffee in meiner Tasse dampft ein wenig,
als würde er sich selbst wärmen müssen.
Nichts hat sich über Nacht verändert.
Nur das Datum hat sich gedreht,
und ich habe beschlossen, wach zu sein.

Katzimir war zuerst da.
Er sitzt nicht, er nimmt Platz –
als wäre der frisch geputzte Fauteuil sein angestammter Thron,
auf dem niemand vor ihm existiert hat.
Dann kommt er herüber, direkt, ohne Rückfrage.
Eine Welle, die sich entscheidet, an Land zu kommen.
Wenn er etwas will – Nähe, Wärme, ein Stück Aufmerksamkeit –
dann ist er formlos und grenzenlos.
Er legt sich einfach um mich, wie eine Decke,
und ich passe mich an – nicht weil ich will,
sondern weil er mich gar nicht fragt.
Es gibt bei ihm keine Selbstoptimierung, keine Vorsätze,
keine bessere Version seiner selbst.
Er ist vollständig – in jeder seiner Bewegungen.

Burgi dagegen beobachtet uns aus der Entfernung,
so bedacht, dass es fast präzise wirkt.
Ihr Vertrauen ist kein Zustand, sondern ein Vorgang.
Sie entscheidet sich von Moment zu Moment.
Ein Partikel, das prüft, bevor es sich nähert,
und das genau weiß, wo es endet und die Welt beginnt.
Ihre Zuneigung ist nicht selbstverständlich, sondern gewählt.

Manchmal denke ich,
dass die beiden eine Art Koordinatensystem bilden,
in dem sich meine Fragen heute Morgen bewegen:

Bin ich mehr Welle –
grenzenlos, wenn ich etwas brauche,
über mich selbst hinausgreifend,
ungebremst von Zweifeln?

Oder bin ich mehr Partikel –
wählerisch, vorsichtig,
klar abgegrenzt gegen alles,
was zu nah kommt?

Oder bin ich das Dazwischen,
das sich jeden Tag neu formt,
abhängig davon, was ich brauche
und davon, wer mich braucht?

Vielleicht ist es diese Stille,
die solche Gedanken hervorruft.
Der erste Tag eines Jahres trägt immer ein leises Versprechen in sich,
auch wenn ich genau weiß,
dass es nur ein Symbol ist,
das sich jedes Jahr dreht
und doch Bedeutung bekommt,
weil es unsere Lebenszeit markiert.

Und doch:
Irgendwo in mir sitzt dieses Echo vom letzten Jahr.
Diese kleinen, halb hingeworfenen Vorsätze.
Etwas freundlicher werden.
Etwas geduldiger.
Etwas achtsamer, leichter, beweglicher.
Ein bisschen weniger hart zu mir selbst
oder zu anderen.
Oder ein bisschen „besser“,
was immer das heißen soll.

Ich sehe vor mir die ganze Bewegung,
wie sie jedes Jahr passiert:
ein zaghaftes „Let’s do it“,
ein müdes „Whatever“,
und irgendwann dieses resignierte „Fuck it“.

Heute frage ich mich: Warum?
Und noch wichtiger:
Für wen habe ich das eigentlich gewollt?

Kann ich das überhaupt ergründen,
wenn ich mir nie die Frage gestellt habe,
warum – und für wen – ich mich ändern will?

Je länger ich in die Tasse sehe,
desto weniger verstehe ich,
warum ich überhaupt eine Veränderung erwarte,
ohne verstanden zu haben,
wer sich hier für wen ändern sollte.

Vielleicht ist das genug für jetzt:
nicht zu wissen, wohin ich mich entwickeln will,
sondern zu beobachten, wer ich bin –
besonders dann, wenn mich niemand drängt
und kein neuer Kalender die Trompete der Zukunft bläst.

Also nehme ich mir doch etwas vor.
Aber nichts aus dem Handbuch der Selbstoptimierer,
keinen Vorsatz, der mich besser machen soll.
Ich nehme mir vor hinzusehen, um zu verstehen:

Welchen Raum dieses Ich nimmt.
Womit ich ihn gefüllt habe.
Womit ich ihn füllen könnte.

Es ist der erste Tag.
Ich muss noch nichts wissen.
Nur hinschauen.
Nur beginnen.
Nur da sein,
wie ich bin –
und sehen, wohin das führt.

Nachsatz

Ich weiß nicht, wohin ich gehe.
Aber ich gehe gern dorthin.

Und du?
Wie hat sich dein Jahresanfang angefühlt – am 1. Jänner, oder erst später, als der Lärm weg war?
Wenn du magst, schreib mir in die Kommentare: Hast du dir etwas vorgenommen – als Pflicht, als Ansporn, als Spiel – oder eher als stilles Hinschauen?

7 Comments

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