Weihnachtsmärkte in Wien: Von Krippenlicht zu Afterwork

Die Votivkirche lag am Weg, zwischen Freyung und Campus. Und während wir von Licht zu Licht gehen, merke ich: Weihnachtsmärkte sind längst nicht mehr nur „Weihnachten“. Sie sind auch Afterwork, ein kurzer sozialer Raum ohne Verpflichtung. Im Eigentlichen sind wir Menschen Wasser. Und wir träumen davon, Schneeflocken zu sein.

Kaum ein Begriff hat sich in meiner Lebenszeit so sehr verschoben wie „Weihnachtsmarkt“.

Zum einen hat mich meine eigene Timeline weggetragen vom magischen Denken. Heimlich betrauert, offiziell abgehakt, selbstverständlich „normal“. Vielleicht auch, weil es wirklich gefährlich wäre, wenn es anders wäre.
Zum anderen hat sich die Timeline der Gesellschaft geändert, scheint mir. Wir haben von allem mehr, aber dafür getrennter: mehr Fantasie im Kino, mehr Magie in Geschichten, mehr Liebe in Dating-Apps. Und überall darunter: mehr Kommerz. Während Fantasie Inseln wurde, ist Kommerz zur zusammenhängenden Schicht über fast allen Lebensbereichen geworden. Anstatt der Magie des Sich-Verliebens sind Persönlichkeitsanalysen getreten. Anstatt der Magie des Weihnachtens und des Miteinanders: Verkaufsstände.

Das Bild aus meiner Erinnerung ist eines von einem hellen Markt, viel Weiß, und konkret vielleicht zwei, drei Stände: Weihnachtskugeln, Krippenfiguren. Im Zentrum des Marktes stand die Krippe. Punschstände habe ich als Kind nicht wahrgenommen, waren also inexistent. Naja. Sie waren im Hintergrund genug, um nicht erinnert zu werden. Dafür aber die Stände mit Zuckerwatte, glasiertem Obst, karamellisierten Mandeln.

Dann wurde ich Mutter. Und plötzlich war er da, der Diskurs: zu viel Kommerz, nur Punschstandln, ein Gedränge, das wie Tradition verkleidet ist. Und die Tanne wurde zum Streitgespräch: wie hoch, wie alt und krumm, warum überhaupt einen starken Baum schlagen. Weihnachten als Frage, nicht als Zustand.

Und parallel entstand etwas Neues, als Ausgleich oder als Alternative: Neben dem großen Wiener Markt wurden weitere aufgebaut. Wien hat heuer 14 bewilligte Christkindl- und Weihnachtsmärkte mit insgesamt 911 Ständen. Deutsch
Manche sind tatsächlich für Verschiedenes bekannt, und plötzlich klingt „Weihnachtsmarkt“ nicht mehr wie ein einzelner Ort, sondern wie ein ganzes Spektrum.

Der Wiener Christkindlmarkt am Rathausplatz ist noch immer der große Magnet. Und manchmal so gut besucht, dass zeitweise kein Zutritt mehr möglich ist, bis wieder Platz wird. Facebook+25 Minuten+2
Der Spittelberger Weihnachtsmarkt ist als Kunsthandwerksmarkt stark über Handwerk erzählt, und er wird 2025 erneut als „Öko-Event“ geführt, mit Fokus auf nachhaltig, regional, fair, bio, ressourcenschonend. Weihnachtsmarkt Spittelberg+2Weihnachtsmarkt Spittelberg+2
Auf der Freyung steht der Altwiener Christkindlmarkt für Programm, Kunsthandwerk und dieses „altwienerische“ Setting. Altwiener Christkindlmarkt+1
Und am Campus im Alten AKH lebt das Weihnachtsdorf von seinem Hof-Gefühl, gemütlich, ein bisschen abseits, gebaut fürs Verweilen. Offiziell wird es als Mischung aus Genuss-, Verwöhn- und Erlebniswelt beschrieben, getragen von Handwerker:innen und Betrieben aus Österreich. vienna.info

Genau dort passen auch meine Erinnerungen an Ausreißer aus der typischen Weihnachtskulisse: ein Standl mit afrikanischer Kunst, eines mit japanischer Kunst.

Und dann gibt es noch Am Hof: ein Markt, der sich selbst als Kunsthandwerksmarkt positioniert, mitten in der Innenstadt, sehr „Geschenke finden“, sehr „schauen, auswählen, mitnehmen“. kunsthandwerksmarkt.at+2weihnachtsmarkt-hof.at+2

Das ist nur der erste Blick. Um wirklich zu verstehen, wie und wovon jeder dieser Märkte lebt, müsste man genauer hinschauen, öfter hingehen, nicht nur einmal schnell durchlaufen. Und wahrscheinlich auch zu verschiedenen Zeiten: an einem stillen Wochentag, an einem überfüllten Samstag, spätabends, wenn die Lichter mehr erzählen als die Menschen.

Aber eines weiß ich jetzt schon. Seit ich mit Kolleg:innen nicht „am Weihnachtsmarkt“, sondern nach der Arbeit beim Punschstandl stehe, erkenne ich einen Faktor, den diese Märkte überproportional bedienen: den Afterwork-Ansatz. Ausgerechnet das, was mir früher zu abgehoben vorkam. Den sozialen Teil.

Nach der Arbeit noch ein bisschen plaudern. Aufeinander schauen. Voneinander lernen. Kontakt, ohne Verpflichtung. Ich mag das Laute nicht, tanzen würde ich so nicht gehen, aber dieses kurze Dazwischen, dieses „Wir sind noch da“, das funktioniert. Vielleicht ist es zu Weihnachten so überproportional, weil es uns sonst fehlt und weniger selbstverständlich angeboten wird.

Im eigentlichen sind wir Menschen wie Wasser, dessen Tropfen davon träumen, Schneeflocken zu sein.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert